Decolonize Orientierungsrahmen! Offener Brief #comment

Aktive im Bereich Globales Lernen kennen ihn. Der Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung stellt den derzeitigen Referenzrahmen für Angebote zum Globalen Lernen in der schulischen und außerschulischen Bildung dar. Komplett gelesen haben ihn vielleicht die wenigsten, da die 240 Seiten umfassenden Ausführungen eher langwierig daher kommen, wenn die nächste Bildungsveranstaltung vor der Tür steht. Umso wichtiger, dass sich ein bundesweiter Zusammenschluss von Initiativen und Organisationen aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft die Neuauflage des Orientierungsrahmens genauer angeschaut und in einem offenen Brief kommentiert hat.

Die gemeinsame Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die Aktualisierung des Orientierungsrahmens im Mai 2014 abgeschlossen. Die erweiterte Neuauflage ist nun als Arbeitsdokument zur Kommentierung freigegeben. Dieser Einladung sind die Autor_innen des offenen Briefs nachgekommen. Das Fazit lautet: (Auch) Die Neufassung wurde von und für eine weiße Mehrheitsgesellschaft verfasst. Schwarze und migrantisch-diasporische Perspektiven sowie Standpunkte aus dem Globalen Süden wurden nicht in den Prozess der Neuverfassung integriert. Ein konventionell konnotierter Entwicklungsbegriff und das Leitbild Nachhaltigkeit werden eingesetzt, ohne die Kontexte, in denen sie entstanden sind, und die dahinter liegende Positionierung und Perspektive (Wer spricht?) offen zu legen. Indem im Globalen Süden formulierte Ansätze zu alternativen Entwicklungspfaden, Forderungen nach der Auflösung des Entwicklungsbegriffs sowie Kritik an einem universal geltend gemachten Nachhaltigkeitsverständnis nicht thematisiert werden, wird der Orientierungsrahmen dem Anspruch politischer Bildung, Kontroverses auch kontrovers darzustellen, nicht gerecht.

Ein Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung muss jedoch an der Standpunktabhängigkeit unserer Wahrnehmung ansetzen, und deren kritische Betrachtung und Offenlegung einfordern. Insbesondere, da entwicklungspolitische Bildungsveranstaltungen Gefahr laufen, implizit auf eine Unterscheidung zwischen „Wir“ und „die Anderen“ zurückzugreifen und von diesem Standpunkt aus in exotisierende, romantisierende und defizit-orientierte Darstellungsweisen abzugleiten. Alles so schön bunt hier lautete der treffende Titel der März/April-Ausgabe zu Defiziten im Globalen Lernen der iz3w in 2012.

Um der Verfestigung von Stereotypen und der Kulturalisierung von Spannungsfeldern, die in ihrem Kern politischer Natur sind, entgegenzuwirken, sollten Bildungsveranstalt- ungen nicht auf „die Anderen“ ausweichen. Stattdessen muss der Fokus auf den konkreten Positionierungen und damit verbundenen Handlungsoptionen der Teilnehmenden liegen, zu denen auch die Referent_innen zählen. Der vielfach beschworene Perspektivwechsel ist ein Kernelement des Globalen Lernens. Doch um ihn anzustoßen und einzunehmen, müssen die gewohnten Wahrnehmungsmuster zuerst erkannt werden. Globales Lernen muss daher auf Reflexivem Lernen außerhalb der weißen Komfortzone aufbauen. Die Neufassung des Orientierungsrahmens hat nicht dazu beigetragen, sondern macht einmal mehr deutlich, wie wichtig die kritische Betrachtung und Offenlegung von Positionierung, Perspektive und Deutungshoheit für diesen Lernbereich ist.

Zum offenen Brief geht’s HIER.

Das zur Kommentierung freigegebene Arbeitsdokument zur erweiterten Neuauflage des Orientierungsrahmens findet sich HIER.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>